Musik macht schlau


Wer Musik machen will, muss eine Menge lernen: Zunächst einmal zuzuhören, komplexe Zeichensysteme erfassen, harmonische Zusammenhänge durchschauen, rhythmisches Timing entwickeln und jede Menge Disziplin.
Die moderne Musikpädagogik hat Wege aufgezeigt, diese komplexen Fähigkeiten spielerisch und handlungsorientiert zu entwickeln. Im Zentrum steht dabei eine möglichst frühe und vernetzte Förderung, in der Freien Musikschule Warburg schon ab dem vierten Lebensmonat. Musizieren macht nicht nur Spass, sondern hilft maßgeblich dabei, Stress und Aggressionen abzubauen, neuronale Vernetzungen zu beschleunigen und das Sozialverhalten positiv zu beeinflussen. Um das zu beobachten, bedarf es keiner Forschung, das merken wir jeden Tag beim Unterrichten. Seit der viel diskutierten Langzeitstudie „Musik(erziehung) und ihre Wirkung“ unter Leitung von Professor Hans Günther Bastian, an der ich in den 90ger Jahren in mehreren Testreihen mitgearbeitet habe, steht eine neue These im Raum: Musik macht schlau! Es wurde untersucht, ob aktives Musizieren die genannten Eigenschaften auch bei Kindern fördert, die von ihren Familien nicht vorgeprägt sind. Die Studie, die an Berliner Grundschulen durchgeführt wurde, zeigte, dass Kinder mit hohen Musikalitätswerten auch einen hohen IQ hatten. Weiterhin konnte nachgewiesen werden, dass frühes Musizieren die kognitive Entwicklung in überdurchschnittlicher Weise fördert und soziale Anregungsdefizite kompensiert. Doch wozu wir schlussendlich musizieren erklärt Hans Günther Bastian im Gespräch mit dem Zeitredakteur Klaus Spahn:


ZEIT: Warum macht Musik intelligent?


BASTIAN:
Musik hat stets mit Ratio zu tun. Ist Tektonik, Struktur, Architektur. Es steckt Raum- und Zeitdenken in jeder Komposition. Es wird eine Fülle von abstrakten, komplexen Denkprozessen angestoßen. Wenn ein Kind zum Beispiel vom Blatt spielt, muss es schnell und gleichzeitig Informationen in extremer Fülle und Dichte speichern und verarbeiten.


ZEIT: Musik sei vor allem als Therapie gut bei sozialen und gesellschaftlichen Problemen. Ist das nicht eine gefährliche Verschiebung der Bedeutung von Musik? Der Grund für die Beschäftigung mit Musik ist doch die Musik selbst und sonst nichts.


BASTIAN:
Sehr richtig. Ich möchte den Musikunterricht nicht über Transfereffekte legitimieren. Musik soll nicht für außermusikalische Zwecke vernutzt werden. Das wäre das Kontraproduktivste, was aus unseren Ergebnissen abgeleitet werden könnte. Oscar Wilde hat gesagt: „Alle Kunst ist zwecklos“ Man kann auch Adorno zitieren: „Alles, was eine Funktion hat, ist ersetzlich. Unersetzlich st nur, was zu nichts taugt.“ Die Freude an der Musik als Freude am Schönen bleibt primär.




Link:   Anton Cik, Markus Czenia